T-005: Vinzenz Fröhlich – Mistral statt Vespa oder weite Wege als Abkürzung zum Radsport-Glück

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T-005: Typen – Beitrag 005

Eine Begebenheit. Im Land des pinken Trikots. Zu gut, um erfunden zu sein.

Ein Sechsjähriger begleitet seinen Vater und dessen älteren Bruder in einen Radsportladen, wo der Vater  für den älteren Sohn ein Straßenrennrad kaufen will. Der Ladenbesitzer wirft einen Blick auf den Jüngeren der beiden und sagt: Du bist zum Radprofi geboren. Sprach’s, und ließ diesen ein Kinder-Rennrad seiner Wahl aussuchen. Mit diesem bestreitet der Sechsjährige am folgenden Tag sein erstes Rennen und gewinnt dieses überlegen. Als Preise erhielt er eine Goldmedaille, einen Blumenstrauß. Und. Logisch. Eine Magnumflasche Wein.

So viel gleich vorweg: Das gibt es nur im Radsportmekka schlechthin. Oder gab es. Man kann es sich nicht vorstellen, dass es das heute noch gibt. Aber genau das macht es aus: Das Sehnsuchtsland aller Radsportliebhaber. Das Land, wo Sport alles bedeutet. Für Kinder ebenso wie Erwachsene. Wo Fans Tifosi heißen. Die Infizierten. Und wo sie es tatsächlich sind. In Italien.

Es hat daher schon seinen Grund, oder besser, es hat sehr viele Gründe, dass es  den Grazer Anwalt mit südsteirischen Wurzeln, Mag. Vinzenz Fröhlich, immer wieder auf seinem Rennrad nach Italien zieht. Und dass er für den Rest des Jahres versucht, den Radsport im steirischen Umfeld mit italienischer Leidenschaft zu leben.

Übrigens: Beim oben angesprochenen Sechsjährigen handelte es sich um Mario Cipollini. Beim Radhändler um Signore Fanini persönlich, den Patron der gleichnamigen ehemaligen italienischen Rahmenschmiede aus Lucca in der Toskana. Beim Rad natürlich auch um ein Fanini.

Der Einstieg

Vinzenz Fröhlichs Einstieg in den Radsport steht übrigens auch mit einem Geschenk in Zusammenhang. Mit seinem Firmungsgeschenk. Und einer aus österreichischer Sicht nicht minder legendären Radmarke wie es Fanini ist: Nämlich mit einem Puch, Modell Mistral EL in der legendären Perlmutt-Elfenbein-Farbe.

Das Puch hatte Vinzenz Fröhlich damals einer Vespa vorgezogen, die er anstelle des Rades zum 16. Geburtstag erhalten hätte. „Ich weiß ehrlich gesagt nicht, ob es für meine Entscheidung ausschlaggebend war, dass ich das Puch-Rennrad gleich und die Vespa erst zu meinem 16. Geburtstag erhalten hätte. Jedenfalls habe ich mich für das Rennrad entschieden und dieses vom ersten Tag an geliebt“, schmunzelt Fröhlich rückblickend.  Es handelte sich dabei um eine Entscheidung, die Vinzenz Fröhlich zwar nicht den Weg zum Radprofi vorzeichnete, aber dennoch als eine wegweisende Weichenstellung betrachtet werden kann. „Ich war unglaublich stolz auf mein Mistral und bin für damalige Verhältnisse sehr viel damit gefahren. Und das, obwohl es in meinem Umfeld kaum Gleichaltrige gab, die ebenfalls aus sportlichen Gründen Rad gefahren sind“, erinnert sich Fröhlich.

Ganz detailliert sind noch Vinzenz Fröhlichs Erinnerungen an den Radsportladen, wo er das Mistral mit seinem Firmpaten abholen durfte. Die Rede ist vom „Pils“ in Leibnitz. Der heutige Seniorchef fuhr damals selbst aktiv Rennrad, war ein Pionier des Sports und unternahm Touren mit Gruppen nach Italien oder zur Österreich Rundfahrt. Und er hatte in seinem Geschäft ein goldfarbenes Bianchi hängen, das Vinzenz Fröhlich ebenso wie dem Autor dieses Beitrags noch als Inbegriff des unerreichbaren Radsportglücks ganz plastisch in Erinnerung ist.

Eines haben das goldene Bianchi und das weiße Mistral gemeinsam: Beide leben nur mehr in der Erinnerung fort. Das Puch wurde  gstohlen. In Graz. „Ich versuche seit einiger Zeit, ein Mistral in Perlmutt-Elfenbein zu bekommen und war bereits zweimal nahe dran, bislang hat es aber noch nicht geklappt“, bedauert Vinzenz Fröhlich. Denn: Eine Bedingung knüpft der Radsportliebhaber auch an ein Vintage-Puch: „Es muss zumindest theoretisch fahrbar sein.“

Der Umstieg

Das Rennrad und der Radsport gerieten in den späten Teenager-Jahren bedingt durch Matura, ein erstes Berufsjahr im Finanzamt Leibnitz und das beginnende Jus-Studium in den Hintergrund. Praktisch. In Gedanken und im Herzen blieb Vinzenz Fröhlich dem Radsport stets verbunden. Und so überrascht es wenig, dass er auf die erste Mountainbike-Welle, die Ende der 80iger ganz zart über die Steiermark schwappte, aufsprang. „Um die Jahre 89/90 herum hatte der Fahrzeughändler Plasch in Leutschach plötzlich Mountainbikes im Programm. Und zwar nicht irgendwelche, sondern die der legendären Marke Marin aus dem Herzen des Mountainbike-Ursprungs, dem Marin County in Kalifornien. Die Räder sahen super aus, im Gelände zu fahren sprach uns damals sofort an und so hat sich in Arnfels innerhalb kurzer Zeit eine sehr aktive Mountainbike Szene entwickelt“, blickt Vinzenz Fröhlich an den Umstieg vom Straßen- auf das Geländerad zurück.

„Wir fuhren aus reiner Gaudi, ohne jeden Plan, ohne Leistungserfassung. Unser einziges Ziel bestand darin, immer weiter zu kommen. Und so haben wir unsere Touren von unseren Haus- und Hof-Strecken am Remschnigg bis hin zur Koralpe ausgeweitet“, erzählt Fröhlich.

Und kommt damit zu seiner persönlichen Schlüssel-Faszination am Radsport: „Ich liebe am Radfahren, dass man in kurzer Zeit sehr weit kommt. Daher fahre ich Rad und laufe außer im Winter kaum. Beim Laufen ist der örtliche Radius sehr eingeschränkt. Mit dem Rad kann ich hingegen losfahren und am gleichen Tag zum Beispiel in Italien ankommen.“

Weite Wege als Faszination. Der erfolgreiche Anwalt liebt sie im Sport. Und sie sind beruflicher Alltag. Von der Matura bis heute. Denn anstelle nach der AHS-Matura und dem darauf folgenden einjährigen Eignungspraktikum im Finanzamt in eben diesem zu verbleiben, entschied er sich für ein Jus-Studium und eine Laufbahn als Anwalt und Partner einer Kanzlei.

Zurück zum Ursprung

Bergauf ging es nicht nur beruflich, sondern auch im Sport. Zumindest was die Jahreskilometerleistung betrifft. Denn 1997, nach einigen Jahren auf dem Mountainbike, erfolgte der Wechsel zurück auf das Strassenrad. „Auf der Straße zu fahren hatte mich immer fasziniert, nicht zuletzt angeregt durch österreichische Rennfahrer wie Wolfgang Steinmayr, dessen Buch ich als Jugendlicher mit Begeisterung gelesen hatte.“

Zudem wurde Vinzenz Fröhlich durch zwei gute Freunde angeheizt, die damals bereits super lange Ausfahrten auf die Straßen rund um Arnfels zeichneten. Gernot Plach und Franz Würzler. Rennrad-Urgesteine aus Arnfels. Sie waren so dermaßen früh dran mit dem Sport, dass die Jungen im Ort heute kaum mehr wissen, dass die beiden je Rennrad gefahren sind. Sie teilen damit das Schicksal so mancher Earlybirds. Aber: das ist eine andere Geschichte.

Italien.Ästhetik

Vinzenz Fröhlichs zweiter Einstieg auf die Straße stellt die erste sichtbare sportliche Brücke nach Italien dar. Denn: Obwohl 1997 bereits alles in der Szene auf fette Alu-Rennräder abfuhr, hatte es Vinzenz Fröhlich auf ein italienisches Gios abgesehen. Stahlrahmen. Filigran. In Blau. Konkret: Im klassischen Gios-Blau. Dem schönsten Blau im Peloton. Gekauft beim legendären Erich Radler, dem langjährigen Teamchef des bis heute erfolgreichsten steirischen Elite-Radteams.

„Nachdem damals jeder einen Alurahmen wollte, kam ich sehr günstig zum Gios. Aufgebaut mit einer Campa-Gruppe. Denn Shimano ist für mich auf dem Gios gar nicht infrage gekommen. Ich war echt stolz darauf.“

Ästhetik ist für Vinzenz Fröhlich ein ganz entscheidender Aspekt im Radsport. Und sie bezieht sich bei weitem nicht nur auf die Schönheit des Rades, sondern auf alles am Radfahren, was die Sinne bewegt: „Auf dem Strassenrad bist du leise. Schlank. Schnell. Und dabei trotzdem irrsinnig kraftvoll. Je mehr man fährt, umso besser ist man physisch und psychisch drauf. Das finde ich alles super anziehend. Dazu kommt dann natürlich auch ein optimal abgestimmtes Rad.“

Von einem italienischen Stahlklassiker ist es nur ein kleiner Schritt zur Leidenschaft für italienisches Radsportfeeling. Und so saugte Vinzenz Fröhlich dieses auf, wo immer er die Möglichkeit dazu hatte.

„Ich habe mir im Urlaub immer italienische Radsportmagazine gekauft und bin sehr früh zu einer Etappe des Giro gefahren. Es war eine legendäre Etappe über den Passo Predil bei Tarvis. Weitere prägende Highlights waren für mich die Italiener, die am Grazer Altstadtkriterium teilnahmen. Man spürte bei ihnen einen Unterschied zum Rest des Feldes. Wie ihre Bikes aussahen. Wie sich die Fahrer gaben. Wie ihre Trikots designt waren. Wie sie auf ihren Rädern saßen. Es wirkte auf mich einfach alles eleganter. Professioneller. Faszinierender,“ schwärmt Fröhlich. Und wirkt dabei für den Zuhörer geradezu ansteckend mit seiner Leidenschaft. Ein infizierender Tifosi. Sozusagen.

Kein Wunder also, dass sein Arnfelser Büro künstlerisch von einem Fausto Coppi-Bild dominiert wird.

Radsport.Touren
Und dann wäre da natürlich das Wichtigste überhaupt. Das Rad.Fahren.

„Meine Lieblingsgebiete sind Norditalien, Slowenien und die Dolomiten. Wobei: Ich bin bislang noch nicht nach Frankreich gekommen und kaum in der Schweiz gefahren. Das steht noch an. Im Grunde liebe ich alles, was alpin ist.“

Und so führen ihn die Ausfahrten immer wieder ins Dreiländereck zwischen Österreich, Italien und Slowenien. Über den Predil und Vrsic-Pass. Und auf die  Nockalmstraße, die er mehrmals jährlich von seinem Zweitwohnsitz in Bad Kleinkirchheim aus genießt und für die er ein ganz klares Prädikat vergibt: Einzigartig.

Aber da ist noch etwas. Etwas, das in dieser Form für einen Steirer mehr als außergewöhnlich ist. Vinzenz Fröhlich nimmt nämlich seit 10 Jahren an der Maratona dles Dolomites teil, einer Legende unter den Granfondos. Und. Ehrensache. Immer bis auf einmal auf der Langdistanz mit 138km und mehr als 4.000 Höhenmetern.

So etwas wird in Italien honoriert. Mit einem Fixplatz. Ab dem nächsten Jahr. Für die jährlich ausgebuchte Legende, an der Normalsterbliche nur teilnehmen dürfen, wenn sie Losglück haben. So fing auch Vinzenz Fröhlich an. Aber wenn man weite Wege liebt, kommt man eben weiter als andere.

Zwei absolute Höhepunkte in all den Jahren bei der Maratona stellten zwei Zusammentreffen mit seinen ganz persönlichen Radsportidolen dar: „Bei einer der Maratonas durfte ich – bedingt durch eine tolle niedrige Wohltätigkeits-Startnummer – ein paar Meter neben dem großen Miguel Indurain auf den Passo Campolongo treten. Das war nicht nur wegen des großen Namens beeindruckend, sondern weil Indurain – im Gegensatz zu anderen Ex-Profis, die im Lauf der Jahre als Werbezugpferde am Start waren – die Langdistanz mit einer Spitzenzeit beendete. Ein paar Jahre zuvor fuhr ich am Passo Gardena plötzlich hinter einem gewissen Wolfgang Steinmeyer. Leider kam ich nicht dazu, mich für die spannenden Zeilen, die ich ca. 30 Jahre zuvor verschlungen hatte, zu bedanken.“

Radsport.Freunde

„Aus meinen ersten, sehr kurzfristigen Aufenthalten bei der Maratona wurde mittlerweile ein Urlaub von knapp einer Woche, meistens mit Freunden. Das sind einige Tage Radsport pur, denn rund um den jährlichen Austragungstermin sind in der Region tausende Leute auf dem Rad unterwegs.  Und nicht nur das: Es herrscht eine super Stimmung, italienisches Radsportfeeling in Reinkultur. Einfach traumhaft.“ Sagt Fröhlich. Und in den Augen flackern Erinnerung und Vorfreude gleichzeitig auf.

Um sich auf die Maratona vorzubereiten, schiebt Fröhlich immer wieder super lange Eintagesfahrten ein, zum Beispiel von Arnfels nach Grado. Oder von Tarvis nach Grado. Wenn möglich immer mit Freunden.

„Ich habe langjährige Begleiter, mit denen ich immer wieder gemeinsam fahre. Wobei mein langjährigster Begleiter gleich alt wie meine Mutter und immer noch super drauf ist. Das ist übrigens ein ganz wichtiger Aspekt für mich am Radsport: Nämlich, dass man diesen bis ins hohe Alter ausüben kann.“

Radsport.Zeit.

Gespräche mit begeisterten Radsportlern landen üblicherweise sehr schnell beim kostbarsten Gut. Der Zeit. Denn davon hat man als Radsportler nie genug. Vinzenz Fröhlich nähert sich diesem Thema, man könnte sagen typisch für seinen Beruf, sehr pragmatisch:

„Mit Familie und Kind ist Radsport alleine aus zeitlichen Gründen immer eine Herausforderung. Aber wenn man sagt, es geht nicht, gibt man dem nicht genug Bedeutung. Und im übrigen lässt es sich sehr gut kombinieren. Wie z.B. Anfahrten in den Urlaub. Mein allerliebstes Geschenk von meiner Frau ist eine Autobegleitung in den Urlaub. Wenn ich mit dem Rad eine Strecke in den Urlaub fahren kann, ist mir das ungleich wichtiger als jedes beliebige andere Geschenk.“

Beruf.Radsport.

Als Geschenk sieht Vinzenz Fröhlich es weiters an, die Rahmenbedingungen in seinem freien Beruf als Anwalt für sich zu nützen.

„Ich gehe jedes Wochenende Radfahren, aber ich gehe auch jedes Wochenende arbeiten. Das ist seit vielen Jahren so, außer ich bin im Urlaub. Gleichzeitig kann ich auch immer wieder einmal wochentags eine Tour einschieben. Und diese Tage, insbesondere im Sommer, nutze ich dann tatsächlich aus, um schöne Touren zu einzuschieben, mitunter sogar mit dem Auto früh zu starten und dann irgendwo im Dreiländereck eine super Tour zu fahren.“

Welche Zusammenhänge sieht Vinzenz Fröhlich zwischen seiner Leidenschaft und seinem Beruf? Gibt es überhaupt welche?

Vinzenz Fröhlich zögert bei diesem Thema keine Sekunde.

„Ich sehe zwei ganz starke Verbindungen. Erstens: Körperliche Fitness ist heutzutage in jedem Beruf unerlässlich. Und ganz besonders in meinem, wo man nicht nur lange Tage hat, sondern bei Verhandlungen auf den Punkt genau fit und konzentriert sein muss.“

Während dieser Punkt beinahe auf der Hand liegt, klingt der zweite absolut interessant:
„Sowohl als Anwalt als auch im Radsport muss man anlassbezogen immer wieder als Egoist agieren, und gleichzeitig muss man Teamplayer sein. Als Anwalt musst du jeden Vorteil, der sich dir bietet, für deine Klienten nutzen. Das gibt es auch im Radsport. Wenn du in einem Rennen in der Gruppe fährst und der Wind von der Seite kommt, musst du versuchen, dies möglichst gut für dich zu nützen und möglichst wenig selbst im Wind zu stehen. Aber das bedeutet nicht, dass man unfair agiert, weder im Beruf noch im Sport. Ich machte zuletzt einige Ausfahrten mit einem Partner einer sehr großen Wirtschaftskanzlei. Auch bei ihm spüre ich, dass er das ganz ähnlich sieht. Uns ist beiden klar, dass der Sport sehr gut zu unserem Beruf passt.“

Zum Abschluss: Radsport ist Genuss. Und ermöglicht Genießen.

„Es mag banal klingen. Aber was ich am Radsport außerdem liebe, ist, dass ich im Sommer nahezu schrankenlos essen kann, wobei ich kaum Blödsinn esse. Das bereichert mein Leben und nimmt wahnsinnig viel Stress.“

Ein Genuss ist es übrigens nicht nur zu essen, sondern sich auf ein ganz besonders gutes Essen zu freuen. Insbesondere auf ein mehrgängiges. Im übertragenen Sinne wird uns Tifosi aktuell ein 21-gängiges Menü vorgesetzt. Der Giro d’Italia. The Fight for Pink. Vinzenz Fröhlich wird diesen mit Leidenschaft verfolgen. Und als Appetizer nützen für weitere Radsporterlebnisse im Lande Cipollinis. Mittlerweile übrigens zeitgemäß auf einem Carbonrenner. Einem Colnago. Besser geht’s nicht.

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